
Jahrgang
10 / Folge 16
Organ
der Landsmannschaft
Ostpreußen
Hamburg, 18.
April
1959 /
Verlagspostdml
Leei
(Oslfriesland)
Rechenschaft
in
ernster Stunde
Dr.
Gille
sprach vor der
Ostpreußischen
Landesvertretung
r.
Höhepunkt
der
Frühjahrstagung
der Ost-
preußischen
Landesvertretung, die am letzten
Sonnabend und Sonntag in Hamburg stattfand,
war ein
großes
Referat des Sprechers der Lands-
mannschaft
Ostpreußen,
Dr.
Alfred
Gille,
MdL,
zur gesamten politischen Lage. An diese
Rede
schloß
sich
eine
längere
Aussprache an,
in
der die verschiedenen Blickpunkte von einer
großen
Anzahl
der
Mitglieder
der Landesver-
tretung noch eingehend beleuchtet wurden.
Zu
Beginn
der Beratungen widmete der Spre-
cher
zwei
Persönlichkeiten,
die
sich
um den
Auf-
bau und Einsatz unserer Organisationen beson-
ders
große
Verdienste erworben haben und die
in
der
jüngsten
Vergangenheit durch den Tod
aus unserer
Mitte
gerissen wurden, sehr herz-
liche
Worte des Gedenkens. Dr.
Gille
erinnerte
daran, daß mit dem
früheren
Vorsitzenden der
Landesgruppe Schleswig-Holstein der Lands-
mannschaft
Ostpreußen,
Fritz
Schröter,
ein
Mann
von uns gegangen ist, der
sich
für
unsere
Sache bis zur letzten Stunde seines Le-
bens
in der vorbildlichsten Weise und unter
Einsatz
seiner ganzen
Persönlichkeit betätigt
hat. Die Landsmannschaft hat
gerade
Fritz
Schrö-
ter unendlich
viel
zu verdanken; sie
wird
diesen
Vorkämpfer
für ihre Sache nie vergessen. Mit
tiefer Trauer und
Erschütterung
erfuhren wir,
daß
der Sprecher der Landsmannschaft
Weich-
sel-Warthe und
große
deutsche Gelehrte, Pro-
fessor Dr. Dr. Hans
Koch,
kurz vor unserer
Tagung durch einen Herzschlag gestorben ist.
Auch
hier ist eine unersetzliche
Kraft
von gro-
ßen
Gaben aus den Reihen der landsmannschaft-
lichen
Arbeit
gerissen worden. (Eine
Würdigung
der
Persönlichkeit
von Professor Dr. Hans
Koch
bringen
wir an anderer Stelle dieses Blattes.)
In
seinem Bericht zur Lage
betonte
Dr.
Gille
einleitend:
„Es sind in den letzten Wochen und
Monaten
Dinge auf uns zugekommen —
Ereig-
nisse, Vorhaben,
Pläne
und Absichten —, die
an die
Grundsätze
unserer ganzen Aufgaben-
stellung
rütteln,
die letzte Fragen
berühren
und
die
geeignet sind,
unsere
Verantwortung, die
wir
alle durch das Vertrauen unserer Lands-
leute
übernommen
haben und tragen, besonders
schwer
fühlbar
zu machen. Wir werden in dieser
Stunde versuchen
müssen,
uns mit
kühlem
Ver-
stand ein
nüchternes
Bild
von der Lage zu
machen. Wir werden Umschau halten, wie die
deutsche Umwelt und die
ausländische
Umwelt
in
dieser Situation Stellung bezogen hat, und
wir
werden selbst zu
prüfen
haben, wie
unsere
Stellung
ist. Dabei sollen wir auch ein Wort der
Kritik
über
das, was etwa
versäumt
oder unter-
lassen wurde, nicht
unterdrücken."
In
eigener Verantwortung
Es
stellt
sich
in dieser Stunde, so fuhr Dr.
Gille
fort, die Frage, wie weit die
echte
Zu-
ständigkeit
einer Landsmannschaft reicht und
wo
die Grenze ist, wo uns ein
Halt
geboten
wird,
weil
wir in Probleme und Verantwortungen
hineinstoßen,
die nicht nur
unsere
eigenen
Ver-
antwortungen sind, in Verantwortungen des
ganzen deutschen
Volkes,
der Bundesrepublik,
Europa
und in weltpolitische Verantwortungen.
Hierzu
betonte
Dr.
Gille:
„Wo es
sich
um B e -
lange unserer eigenen Verantwor-
tung handelt, das
heißt
um die Belange unserer
Heimat
und ihrer Menschen, sind wir die
erst-
zuständigen.
Wir sind weder bereit noch in der
Lage,
diese
Zuständigkeit
und diese Verant-
wortung,
irgend jemand anderen oder irgend-
einer anderen Organisation, sei es auch einer
deutschen Organisation, zu
überlassen.
Darüber
wollen
wir uns gar nicht im
Zweifel
sein, und es
wird
uns auch nicht an Mut fehlen, das zu sagen,
was notwendig ist, ohne
Rücksicht
darauf, ob es
dem einen oder anderen
paßt
oder nicht
paßt.
Wir
haben uns aber auch
sorgfältig
zu
über-
legen, ob wir ein Wort zu sagen haben
über
Dinge,
die nicht in unseren, in diesem Sinne aus-
schließlichen
Verantwortungsbereich
gehören."
Schwere Sorgen
Ein
erster
Blick
in die Umwelt
könne
uns nur
bitter stimmen, so
betonte
Dr.
Gille
weiter.
Tiefe
Sorge um die politische Zukunft nicht nur
unseres
Volkes,
sondern auch unserer
Heimal
werde wach. Als der
große
Gegenspieler auf der
Weltbühne
stehe
vor uns der
mächtige
Machtblock
der Sowjetunion mit
seiner
beträchtlichen
Zahl
von Satelliten. Das
Ziel
und die
Absicht
dieses bolschewistischen
Machtblocks
stehe
jedem so lebhaft vor
Augen,
daß
wir uns nicht lange
darüber
zu unterhalten
brauchen, was uns von dieser Seite
blüht.
Jeder
könne
sich
die uns von hier drohende Gefahr
deutlich
genug vorstellen.
„Ein
zweiter Um-
stand", so fuhr der Sprecher fort,
„erfüllt
uns
mit
Sorge: Die deutsche Bundesrepublik ist von
einer einheitlichen
Außenpolitik
weiter entfernt denn je. Wenn die Geschichte
uns
etwas
gelehrt hat — auch die Geschichte an-
derer
Völker
—, dann ist es das, daß in Zeiten
echter nationaler Not
andere
Völker
es ver-
standen haben, zusammenzustehen, alle
Mei-
nungsverschiedenheiten geringerer Art
zurück-
zustellen
und
sich
gemeinsam auf eine einheit-
liche
Linie
und auf ein einheitliches
Vollbringen
zu
einigen. So weit es
sich
um taktische Fragen
handelt, sollte es immer
möglich
sein,
sich
im
Grundsätzlichen
zu finden. Ich stelle hier nur
das Faktum fest und verliere
kein
Wort dar-
über,
wer hier bei uns Recht oder Unrecht hat.
Es
handelt
sich
aber um einen Umstand, der uns
unsere
Lage,
unsere
Verantwortung und unser
Tun
und Handeln wahrlich nicht erleichtert. Wir
gehen in diese
Krise
hinein unter denkbar
schlechten psychologischen Voraussetzungen.
Ohne
Vorwurf,
nur als Tatsachenfeststellung,
sei
hier
gesagt,
daß die Sehnsucht nach materiel-
lem
Wohlstand leider in unserem
Volk
einen
Grad
erreicht hat, der es fast
taub
macht gegen-
über
den Notrufen und den
wirklich
ernsten
Sorgen
um Gegenwart und Zukunft
unseres
deutschen
Volkes.
Das
Ruhebedürfnis
der Sa-
turierten scheint vieles zu
überschatten
und
vieles
zum Schweigen zu bringen, was ein gro-
ßes
Volk,
das an seine Zukunft glaubt,
gerade
in
solchen Zeiten
nötig
hat."
Ein
weiterer Umstand, der uns mit besonderer
Sorge
erfüllt,
ist — wie Dr.
Gille
erklärte
— die
Tatsache, daß die Versuche, in gewissen
Kreisen
unseres
Volkes
und
darüber
hinaus in weiten
Kreisen
der freien
Welt
unseren unbestreitbaren
Rechtsstandpunkt durch
Verzichtserklärungen
auszuhöhlen,
noch nie so deutlich geworden
sind,
wie in den letzten Wochen. Wir haben bit-
ter empfunden, wie einsam letzten Endes auch
in
unserem
Volke
und besonders in der freien
Welt
die deutschen Heimatvertriebenen mit
ihren
Ansprüchen
und Herzensanliegen stehen.
Die
drei
Sowjetvorstöße
In
einer Untersuchung der Lage behandelte
der Sprecher der Landsmannschaft dann die drei
massiven sowjetischen
Vorstöße,
die seit dem
Herbst 1958 erfolgt sind. Es handelt
sich
hier
einmal
um den Versuch der Sowjets, den gegen-
wärtigen
Status West-Berlins
abzuändern,
aus den Verpflichtungen der
Siegermächte
für
West-Berlin
herauszukommen und alle
Ver-
pflichtungen
und Kontrollrechte auf das Pan-
kower
Regime zu
übertragen.
Der zweite
Vor-
stoß beschäftigt
sich
mit dem Fragengebiet, den
wir
gewohnt sind, die Wiedervereinigung im
engeren Sinne zu nennen. Dr.
Gille
betonte
da-
bei,
es sei
außerordentlich
bedauerlich, daß man
für
eine
Zusammenfügung
der vier alten Be-
satzungszonen innerhalb
unseres
deutschen
Schluß nächste
Seite.
Im Geiste Kants für unser Recht
„Es
ist
eine
Beschimpfung der Zivilisation,
wenn
Königsberg,
wo ein Kant
gelebt
hat, vom Kommunisten Kaliningrad ge-
nannt
wird. Die freie
Welt
kann
sich
damit
nie-
mals
einverstanden
erklären.
Durch den An-
spruch Polens und der Sowjetunion, in den
deut-
schen
Ostprovinzen Hoheitsrechte
auszuüben,
Im
Bewußtsein
politischer
Verantwortung:
Pfingsten
kein
Deutschlandtreffen
Aber
Landestreffen der
Ostpreußen
in
Berlin
Der
Beschluß
der
Ostpreußischen
Landesvertretung, zu Pfingsten dieses
Jahres
ein Deutsch-
landtreffen der Landsmannschaft
Ostpreußen
in der Hauptstadt
Berlin
durchzuführen,
war vor
dem in der Note vom 27. November 1958 eingeleiteten sowjetischen
Vorstoß
gegen das freie
West-Berlin
gefaßt
worden.
Moskau
hat diesen
Vorstoß
mit der Behauptung zu
begründen
versucht, daß
West-Berlin
ein
Herd
der Spannung und
möglicher
Konflikte
sei.
Der
sowjetische
Ministerpräsident
hat diese Behauptung
erst
vor wenigen Tagen wieder-
holt.
In
diesem Zusammenhang ist das beabsichtigte Deutschlandtreffen der Landsmannschaft
Ostpreußen
bereits zum Gegenstand
böswilliger
Angriffe
gemacht worden.
Bundesvorstand und Landesvertretung der Landsmannschaft
Ostpreußen
sind nicht bereit,
mit
ihrem Deutschlandtreffen
Moskau
und Pankow einen
Vorwand
für ihre
Agitation
gegen
West-Berlin
zu geben und die Lage der deutschen Hauptstadt in ihrem schweren Abwehr-
kampf
dadurch noch zu erschweren.
Deshalb haben Bundesvorstand und Landesvertretung der Landsmannschaft
Ostpreußen
beschlossen, das Treffen zu Pfingsten in
Berlin
nicht als Deutschlandtreffen
durchzuführen.
Dafür
wird
die Landesgruppe
Berlin
der Landsmannschaft
Ostpreußen
an dem Ort, an
dem sie zusammen mit den Berlinern seit 10 Jahren für Recht, Freiheit und Friede
kämpft,
zu
Pfingsten
ein" Landestreffen veranstalten und
lädt
hierzu alle Landsleute herzlich ein. An die-
sem Treffen werden Bundesvorstand und
Ostpreußische
Landesvertretung teilnehmen.
Die
Ostpreußen
in
Berlin
erwarten regen Besuch ihrer Landsleute aus Westdeutschland.
werden
ständig
die Charta der Vereinten Na-
tionen
und das internationale
Recht
verletzt."
Diese Worte, die der amerikanische A/jointfilesconvert/426564/bgeord-
nete
Carroll
Reece
im
Frühjahr
1957 vor dem
Kongreß
der Vereinigten
Staaten
sprach, soll-
ten
gerade
jetzt
der
ganzen
freien
Welt
eine
unüberhörbare
Mahnung
sein.
Wir
haben
in den
letzten
Wochen
manch
be-
dauerliche
Erklärung
einer
Verzichtsbereitschait
auf
unsere
ostdeutsche
Heimat aus dem Munde
von Politikern und
Staatsmännern
gehört,
die
als
unsere
Verbündeten
wohl
wissen
sollten,
daß
das Selbstbestimmungsrecht der
Völker
und
das
Recht
auf Heimat unteilbar
sind
und
auch
dem
deutschen
Volke
nicht
vorenthalten
werden
können.
Wer von dem
festen
Grund des
eher-
nen
Sittengesetzes
und
Rechtsbewußtseins
ab-
weicht,
das
gerade
der
große Ostpreuße
Imma-
nuel
Kant der
ganzen
Menschheit
nahege-
bracht hat, der
begibt
sich auf Triebsand, und
der
läuft
Gefahr,
nicht
nur unanfechtbar
deut-
sche
Rechtspositionen zu verspielen,
sondern
überhaupt
das Menschen- und
Völkerrecht.
Erinnern
wir uns
auch
noch
eines
anderen
Wortes
des Amerikaners
Carroll
Reece.
Es lau-
tet:
„Ein
Unrecht rechtfertigt
nicht
ein
anderes,
wie
zwei
mal Unrecht niemals
Recht
ergeben
kann.
Und es war ein Unrecht, daß
über
zehn
Millionen
Deutsche aus den
Heimstätten
ihrer
Vorfahren vertrieben wurden:
nicht
nur die
die
deutsche
Volksgruppe in Polen,
sondern
auch
die
deutsche
Bevölkerung
der
deutschen
Ostprovinzen
jenseits
von Oder und
Neiße;
die
polnischer und sowjetischei Verwaltung
unter-
stellt
vurden, obwohl es sich um Gebiete
han-
delt,
die
selbst
in Versailles als unstrittig
deut-
sches
Territorium
bezeichnet
wurden."
Diese Austreibungen
ließen
erkennen,
daß
nicht
nur das Unrecht wiedergutgemacht
wurde,
das Hitler verursacht
hatte,
sondern
es
wurde
neues
Unrecht
geschaffen.
Denn die Massenaus-
tieibungen
bedeuteten
in der Tat ein Verbre-
chen,
das dem des
Völkermordes
gleichkommt,
wie
auch
über
zwei
Millionen unschuldige Men-
schen
infolgedessen ihr
Leben
verloren. Und
wenn
Hitler den Versuch
gemacht
hatte,
den
polnischen
Staat
auszulöschen,
so
verfügten
nach
dem
Zweiten
Weltkriege die
Siegermächte
die
Auflösung
Preußens,
jenes
alten
und
stolzen
Staatswesens,
aus dem vor einhundertachtzig
Jahren Baron von
Steuben
über
den Ozean
gekommen
war, um den Amerikanern zu hellen,
die
Unabhängigkeit
zu erringen."
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